Zur Erinnerung an Rudolf Gessner
Der Tod von Rudolf Gessner, der am 15.1.2007 im Alter von 75 Jahren verstarb, gibt uns Anlass, über diesen langjährigen Mitarbeiter der damaligen Abteilung Wohnungsbau und Siedlungswesen der Saarbergwerke AG zu berichten, der viele Darlehensnehmer der StWB bei ihrem Bauvorhaben begleitete.
Herr Gessner war von 1958 bis 1991, also über mehr als drei Jahrzehnte in der Wohnungswirtschaft der Saarbergwerke AG und damit auch für die Stiftung für Wohnungsbau der Bergarbeiter tätig. Sein Name ist mit dem saarländischen Bergarbeiterwohnungsbau nach dem Zweiten Weltkrieg eng verbunden.
Die Saarbergwerke und die StWB setzen damals auf die Eigenheimförderung. Die Wohnraumnot als Folge der Kriegseinwirkungen und eine Belegschaft von fast 60.000 führten zu einer regen Bautätigkeit. Die Bauherren wurden von Saarberg oder StWB nicht nur finanziell durch Baudarlehen unterstützt sondern darüber hinaus auch bautechnisch betreut. Um 1960 kümmerten sich neben Herrn Gessner drei weitere Bautechniker um die Darlehensnehmer. Jeder hatte dabei zwischen 200 und 300 Bauvorhaben jährlich zu betreuen.
Aufgrund seines unermüdlichen Engagements, seiner fundierten Baukenntnisse und seiner hohen Sozialkompetenz wurde Herr Gessner 1971 "Leiter der bautechnischen Betreuung im Wohnungs- und Siedlungswesen". In dieser Eigenschaft betreute Herr Gessner die Bauinteressengemeinschaften Großrosseln, Sulzbach-Hammersberg und Heiligenwald. Mehr als 7.000 Mitarbeiter wurden von Herrn Gessner beim Neubau ihres Wohnhauses begleitet. Damit gehörte Herr Gessner nicht nur in Saarbrücken, sondern bis in alle Dörfer des Saarlandes und darüber hinaus bis in das angrenzende Frankreich und in die Pfalz zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Saarbergwerke und der Stiftung.
Zusätzlich zu seinem beruflichen Engagement und ausschließlich während seiner Freizeit engagierte sich Herr Gessner für die Kommunalpolitik seiner Heimatgemeinde Schiffweiler. 1974 wurde der überzeugte Sozialdemokrat Ortsvorsteher von Schiffweiler und Beigeordneter seiner Gemeinde. Dass es ihm gelang, überzeugend für das Gemeinwohl aktiv zu werden, zeigt die Tatsache, dass er 1989 mit 23 von 33 Stimmen in seiner Funktion als Erster Beigeordneter bestätigt wurde, obwohl seine Fraktion nur über 18 Mandate im Gemeinderat verfügte.
Seine politische Tätigkeit war darüber hinaus Vorbild für Transparenz bei der Wahrnehmung von Unternehmensinteressen in der Politik, abseits des heute üblichen Lobbyismus. Wovon ist die Rede? Fast alle Bergbaubetriebe erlebten seit Anfang der 80er Jahre eine geänderte Einstellung der von der Abbautätigkeit direkt betroffenen Gemeinden und deren Bürgern. Die frühere, vorbehaltlose Akzeptanz gegenüber den Folgen der Abbautätigkeit wurde selbst in alten Bergbaugemeinden mit einem hohen Anteil Bergarbeiterfamilien abgelöst durch eine zunehmend kritische Haltung. Von Bergschäden betroffene Bürger beklagten eine schlechte Informationspolitik, die Kommunalpolitiker gerieten unter den Druck von Bürgerinitiativen und Interessengemeinschaften. In dieser Phase verabredeten die für das Bergwerk Reden Verantwortlichen mit der Gemeinde Schiffweiler einen Verfahrensweg, der neu war und deshalb als Redener Modell bezeichnet wurde. Bis dahin war es üblich, dass der gesetzlich vorgeschriebene Weg zur Realisierung betrieblicher Planungsabsichten, nämlich Bergwerk/Oberbergamt/Gemeinde auch absolut die Informationsrichtung bestimmte. Die Kommunen wurden über abgeschlossene bergwerksinterne Planungen ausschließlich über die Bergbehörde als öffentlich Beteiligte angehört. Die Nachteile dieses Vorgehens liegen auf der Hand: die Information erfolgte viel zu spät, wichtige Anliegen der Gemeinden konnten nicht von Beginn an bereits in der Planung berücksichtigt werden. Betroffene fühlten sich vor vollendete Tatsachen gestellt und vermeidbare Irritationen waren die fast zwangsläufige Folge. Nach langen Diskussionen entschloss man sich zu einem Vorgehen, das damals völlig neu war: Das Bergwerk gab seine bis dahin allgemein übliche Informationszurückhaltung auf und bezog die betroffene Kommune von Anfang an umfassend und vorbehaltlos in die Planungsarbeit mit ein. Dies eröffnete die Chance, einen rationalen Interessenausgleich von vornherein zum Gegenstand der Planung zu machen, um der Bergbehörde schließlich einen im Vorfeld abgestimmtes Konzept vorzulegen. Herr Gessner hatte das volle Vertrauen auf beiden Seiten. Als Vorsitzender des Bauausschusses kam im dabei eine Schlüsselrolle zu.
Nach seiner Pensionierung widmete sich Herr Gessner weiterhin mit Eifer seiner kommunalpolitischen Arbeit. Zu seinen besonderen Erfolgen zählt das sogenannte "Baulückenprgramm." Hier zeigte sich Herrn Gessners besondere Begabung beim Bohren der dickeren Bretter. Der Bergbau war an seiner Heimatgemeinde nicht spurlos vorüber gegangen. Das Ortsbild war geprägt durch Baulücken, die durch den Abriss bergbaugeschädigter Häuser entstanden waren. In mühsamer Überzeugungsarbeit gelang es ihm, sowohl Bauamt als auch die Verantwortlichen auf der Bergbauseite davon zu überzeugen, ihre Vorbehalte aufzugeben und einer Wiederbebauung dieser Baulücken zuzustimmen. Herr Gessner war damit politisch seiner Zeit voraus, die erst heute allgemein die Notwendigkeit anerkennt, sich verstärkt um die Erhaltung der Gemeindezentren zu bemühen.
Wie war es möglich, die kraftfordernde Doppelbelastung Beruf und Politik über so viele Jahre zu vereinbaren?
Da war zunächst die für Herrn Gessner selbstverständliche, heute eher selten anzutreffende Ansicht, für andere da zu sein und nicht umgekehrt. Wenn Not am Mann war, war Herr Gessner präsent. Diese ausgeprägte, heute würde man sagen Dienstleistungsbereitschaft, ist Erfolgsvoraussetzung in Beruf und Politik.
Diese Haltung gründete jedoch nicht in finanziellen Anreizen, sondern auf einer christlichen Überzeugung und ein durch und durch demokratisches Selbstverständnis.
Das eigentliche Kapital war jedoch seine Glaubwürdigkeit. Die Menschen haben ein sehr feines Gespür, ob sie ernst genommen oder verschaukelt werden.
Herrn Gessner ging es letztlich nicht um irgendwelche nebulösen höhere Ziele oder um persönliche Profilierung, sondern um alltägliche, praktische Dinge, die Bauherren, Mieter oder Bürger der Gemeinde bewegten. Dabei ließ sich Herr Gessner nie blind vor jeden Karren spannen. Ihm war stets bewusst, dass soziales Handeln nicht mit Selbstbedienung gleich zu setzen ist. Unbegründete Ansprüche müssen zurückgewiesen werden, da ihrer Erfüllung ihrerseits unsozial wäre.
1989 erhielt Herr Gessner auf Vorschlag des damaligen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine in "Anerkennung seiner um Volk und Staat erworbenen Verdienste" das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Die Stiftung für Wohnungsbau der Bergarbeiter erinnert sich dankbar an Herrn Gessner. Er ist Vorbild für unser künftiges Tun.