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Keimzelle des Aufruhrs

by Bernhard Lösch last modified 2006-09-04 15:01
Contributors: Gerd Meiser
Saarbrücker Zeitung

Zu Besuch im Rechtsschutzsaal Bildstock – Treffpunkt der ersten organisierten Arbeiterbewegung an der Saar. In Bildstock steht ein Denkmal der Bergarbeiter- und Gewerkschaftsbewegung: der Rechtsschutzsaal. Einst Zufluchtsort für streikende Bergleute, ist er heute kulturelles Zentrum.

Quelle: Saarbrücker Zeitung

Von SZ-Mitarbeiter

GERD MEISER

RechtsschutzsaalBildstock. „Das ist das älteste Gewerkschaftsgebäude in Deutschland und Treffpunkt der ersten organisierten Arbeiterbewegung an der Saar“, sagt Jürgen Trenz. Der Backsteinbau in der Bildstocker Hofstraße, auf den der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Friedrichsthaler Stadtmarketing zeigt, macht inmitten der gut bürgerlichen Wohnhäuser einen bescheidenen Eindruck. Bei genauerem Hinsehen erinnert die zur Straße gerichtete Fassade, hinter der sich ein lang gestreckter Bau verbirgt, an norddeutsche Backsteingotik. Das Bauwerk wirkt etwas schlichter als jene Wuchtbauten, die man aus Norddeutschland kennt.

Gedenktafel RechtsschutzsaalSchlichter Gedenkstein

Schlicht ist auch der Gedenkstein, der neben dem Bauwerk steht. Er bringt uns aber der Geschichte, die von diesem Platz ausgeht, ein Stückchen näher. In den Stein ist eine Gedenkplatte eingelassen, auf der zu lesen ist: „Dem Gründer des Rechtsschutzvereins und Erbauer des Rechtsschutzsaales, Nikolaus Warken, genannt Eckstein, gewidmet. Errichtet in der Woche des Bergmanns, September 1951“. Und weil wir uns jetzt ganz still verhalten, können wir die Vergangenheit hören. Wir vernehmen das Gemurmel einer großen Menschenmenge. Es schwillt bald zu einem lauten Schimpfen an, wird dann zu einem Tosen. Es fallen Schüsse. Die Läufe der Revolver sind in die Luft gerichtet. Niemand wird verletzt. Aus dem Geschrei hören wir Forderungen heraus: „Acht Stunden sind genug, zwölf und sechzehn sind Betrug.“ – „Der Mindestlohn muss ausreichend sein!“ – „Weg mit dem Strafsystem der Preußen!“ Ja, so muss es hier in Bildstock gewesen sein, in der Zeit von 1889 bis 1893.

Ein relativ kleiner Mann mit eindrucksvollem, dichten Bart stand damals am Podium. Sein Bart ist sehr gepflegt und wächst von der Oberlippe über die Backenknochen bis auf die Hemdkragen. Neben dem Bart sind die tief in den Höhlen liegenden dunklen Augen des Redners besonders beeindruckend. Das Haupthaar ist dicht, scheint, wie der Bart, rötlich und ist sorgfältig gekämmt. Es ist Nikolaus Warken, genannt Eckstein. Warken stammt aus Hasborn und ist der Gründer des Rechtsschutzvereins. Sein Ziel war es, die bislang so braven und biederen, allerdings auch ausgebeuteten Bergleute besser zu organisieren und dafür zu sorgen, dass sie ihr Recht gegen Unternehmerdünkel und Unternehmerstrategien durchsetzen können.

Es war eine Zeit voller Umbrüche, voller Unruhen. Damals standen die bis dahin als so brav und traditionsbewusst geltenden Bergleute auf und verlangten ihr Recht. Sogar die katholische Kirche, der sich die meisten Bergleute verbunden fühlten, kam in die Kritik. „Der Pfarrer soll sich um seine Predigt kümmern“, schimpften die Bergleute.

Jürgen Trenz weiß viel zu erzählen über die Entstehung dieses zweieinhalbstöckigen Bauwerkes, für dessen Erhalt sich seiner Auskunft nach „schon 1985 der damalige Ministerpräsident des Saarlandes, Oskar Lafontaine, stark gemacht hat“. Ausgangspunkt der Geschichte aber ist die Gründung des „Rechtsschutzvereins für die bergmännische Bevölkerung des Oberbergamtes Bonn“ im Sommer 1889 in Bildstock. Über sie können Interessierte in einem Faltblatt der Stiftung „Rechtsschutzsaal“ einiges nachlesen. Auch im Archiv der Saarbrücker Zeitung gibt es verschiedene Artikel, die sich mit den Anfängen der Gewerkschaftsarbeit an der Saar befassen.

Der Rechtsschutzverein, so erfährt man, fand in der Gründungszeit großen Zuspruch. Bereits im August 1891 zählte er über 20000 Mitglieder. Die Organisation aber war dem Kaiserreich suspekt. Versammlungen unter freiem Himmel wurden untersagt. Damit wurde es schwer, für so viele Mitglieder, wie sie der Rechtsschutzverein zählte, geeignete Säle zu finden. Deshalb beschloss der Verein, einen eigenen Saal zu errichten. Das Grundstück spendierte der Gastwirt Nikolaus Kron, der auch Kassierer im Rechtsschutzverein war. Im Mai 1891 wurde auf diesem Grundstück in Bildstock der Grundstein für den Rechtsschutzsaal gelegt. Überliefert ist, dass die symbolischen Hammerschläge zur Grundsteinlegung von den Worten „Freiheit, Brot, Gerechtigkeit“ begleitet wurden. Jedes Mitglied des Vereins steuerte „zur Unterstützung und Finanzierung des Baues eine Reichsmark und zwei Backsteine“ bei.

Die Behörden standen dem Neubau keineswegs positiv gegenüber, doch die Bergleute ließen sich nicht beirren und konnten im September 1892 die Einweihung des Versammlungshauses feiern.

Die Aktivitäten gingen aber sehr schnell zu Ende, wie Trenz berichtet. Bereits im Januar 1893 ging der Rechtsschutzverein in Konkurs, im Dezember 1893 musste der Saalbau verkauft werden.

Käufer war die Familie Schmidt von der Neunkircher Schloss-Brauerei. Anfang 1895 erwarb die Königlich Preußische Bergwerksdirektion den Rechtsschutzsaal. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude zu einem Schulhaus umgebaut und in den folgenden Jahren unterschiedlich genutzt. Später gelangt es in den Besitz der Saarbergwerke, die das Gebäude 1989 der Stadt Friedrichsthal vermachten. „Seit 1995 ist das Bauwerk der Stiftung Rechtsschutzsaal übertragen“, sagt Trenz. Dieser Stiftung wurde 1990 die Gemeinnützigkeit zuerkannt. Dank dieser Stiftung wurde der „Rechtsschutzsaal“ wieder ins rechte historische Licht gerückt und vollständig renoviert.

Biergarten mit Geschichte

Jürgen Trenz, Jahrgang 1952, Groß- und Außenhandelskaufmann, ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Friedrichsthaler Stadtmarketing. In dieser Funktion ist ihm an einer sinnvollen Nutzung des inzwischen völlig renovierten Rechtsschutzsaals gelegen. Das historische Bauwerk wird inzwischen vielfältig genutzt. Neben einem Restaurant gibt es verschiedene Räume, die für Veranstaltungen zur Verfügung stehen.

Das Foyer sowie ein großer Raum unter dem Dach eignen sich für Ausstellungen und Präsentationen, ein großer Saal bietet die Möglichkeit, Konferenzen und Vorträge abzuhalten. Ein kleinerer Saal kann für Seminare genutzt werden. Unterm Dach befindet sich das Stadtteilbüro der Caritas. An lauschigen Sommerabenden lädt ein Biergarten zum Entspannen ein. Gaststätte und Restaurant sind täglich von 10 bis 14 Uhr und von 17 bis ein Uhr geöffnet. Montags ist Ruhetag. Der Bildstocker Rechtsschutzsaal liegt am Ende des Warken-Eckstein-Weges. Er ist im Sinne des saarländischen Denkmalschutzgesetzes ein Kulturdenkmal. gm

Weitere Infos: Stiftung Rechtsschutzsaal, Rathaus Friedrichsthal, Schmidtbornerstraße 12a,

66299 Friedrichsthal,Tel. (06897) 856814, Fax: (06897) 856850.

Zur Person

Nikolaus WarkenNikolaus Warken wurde 1851 in Hasborn geboren. Der Bauernsohn arbeitete ab 1867 auf dem Helenenschacht in Friedrichsthal. Beim Bergarbeiterstreik 1889 wurde er Vorsitzender des Streikkomitees. Er kämpfte gegen die schlechte Behandlung der Bergarbeiter. Wegen seines Engagements für die Bergarbeiter wurde er für sechs Monate ins Gefängnis gesteckt. Die Kumpel nannten ihn „Eckstein“. Manche sagten auch zu ihm „der kleine Mann mit dem Feuerkopf“. Später lebte er als Kleinbauer in Hasborn. Dort starb er dann im Jahr 1920. gm


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