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"Heuschrecken" vor der Wohnungstür

by Bernhard Lösch last modified 2006-06-25 10:50

Finanzinvestoren wollen mit Sozialwohnungen Kasse machen - Mieterbund warnt

Die "Heuschrecken" sind längst unter uns: Still, leise und heimlich kaufen seit gut fünf Jahren ausländische Finanzinvestoren Hunderttausende Sozialwohnungen in Deutschland. Die neuen Hausherren haben nur eines im Sinn - Kasse machen. Mieterverbände beäugen diesen "Ausverkauf" mit großer Sorge. Sie befürchten auf lange Sicht den Verlust von preiswerten Wohnungen und kältere Zeiten für die Mieter. Erst vor wenigen Tagen hat sich abermals ein Investor im Ruhrgebiet mit Wohnungen eingedeckt.

von Kai Budde, 13.11.2005

Zitat

Die neuen Eigentümer werden sich nicht dem Gemeinwohl verpflichtet sehen, sondern sie haben nur die kurzfristige Rendite vor Augen.

Ulrich Ropertz, Deutscher Mieterbund

Die Einkaufstour der Finanzinvestoren bereitet Ulrich Ropertz Bauchschmerzen. "Die neuen Eigentümer werden sich nicht dem Gemeinwohl verpflichtet sehen, sondern sie haben nur die kurzfristige Rendite vor Augen", sagt der Sprecher des Deutschen Mieterbundes zu heute.de. Still und leise gehen die Finanzinvestoren alias "Heuschrecken" vor, wie sie Noch-SPD-Chef Franz Müntefering abschätzig nennt. Nach Schätzungen des Mieterbundes gehören schon gut 600.000 Wohnungen in Deutschland ins Portfolio angloamerikanischer Investoren. "Wir wissen nicht, was heimlich über die Bühne geht", räumt Ropertz ein. Möglicherweise sind noch viel mehr Wohnungen in deren Besitz. Und die Einkauf-Liste der Investoren sei lang.

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Finanzinvestoren

Hinter den Finanzinvestoren stecken meist Fondsgesellschaften wie Fortress, Grainger Trust und Cerberus. Sie haben weltweit rund eine Milliarde Dollar privates Beteiligungskapital, "Private Equity", bei Pensionskassen, Versicherungen und Privaltleuten eingesammelt. Sinn und Zweck: Sie haben es zu mehren und sind auf hohe Rendite aus. Laut Mieterbund versprechen sich die Investorengruppen aus ihren Immobilien-Deals Renditen von bis zu acht Prozent.

Der Deutsche Mieterbund reibt sich am "Ausverkauf öffentlicher Wohnungen". So nennt es Präsidentin Anke Fuchs. Immer mehr Kommunen gehen dazu über, Wohnungen an Investoren zu verhökern, um Haushaltslöcher zu stopfen. Die neuen Hausherren würden wegen ihrer Renditevorgaben nach ein paar Jahren die Mieten anheben oder Wohnungen in Eigentum umwandeln. "Dadurch gehen preiswerte Mietunterkünfte für sozial Schwache verloren", warnt Fuchs. Bislang seien aber die Kaltmieten stabil geblieben. Nicht zuletzt schieben Gesetze saftigen Mieterhöhungen einen Riegel vor.

Drohen Mieterhöhungen?

Kiel: Anstieg bei den Sozialmieten

Zwar nicht saftig, aber spürbar ziehen die Sozialmieten in Kiel an. Das rechnet zumindest der Chef des Kieler Mietervereins Jochen Kiersch so vor. "Die Steigerungsrate bei Mieten öffentlich geförderter Wohnungen sind um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr hochgeschnellt", sagt er. Eine Ursache ist auch schon ausgemacht. In den vergangenen Jahren sind viele Sozialwohnungen in die Hand von renditeorientierten Anteilseignern gefallen. Die Folge ist, "dass sich hier erste spürbare Auswirkungen der Verkäufe auf dem Wohnungsmarkt zeigen".

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Monopoly in Schleswig-Holstein

Jochen Kiersch hält sich nicht zurück. "Der Ausverkauf von öffentlich kontrollierten Wohnraum ist kurzsichtig, unüberlegt und dumm", sagt der Chef des Mieterbunds Kiel zu heute.de. Binnen neun Jahren seien 50.000 Wohnungen in Schleswig-Holstein aus dem preiswerten Marktsegment den "Heuschrecken" in die Hände gefallen.

Das blieb nicht folgenlos. So sind Kiersch zufolge Modernisierungsprogramme gestoppt worden. Diese hätten nur noch den "kosmetischen Charakter auf deutlich niedrigen Niveau". Auch wehe ein rauer Umgangston durch die Häuser. Anwärter für eine Mietwohnung müssen damit rechnen, dass der Vermieter Mitarbeiter in die alte Wohnung schickt, um zu sehen, ob er überhaupt "wohnfähig" ist.

Auch in der Mahnpraxis zeigen sich die neuen Eigentümer nicht zimperlich. Wer mit der Miete in Rückstand ist, bekommt eine rote Karte im Postkarten-Format in den Briefkasten. Die Aufschrift, sagt Kiersch: "Ihr Mietkonto steht im Rückstand - der Bestand ihres Mietverhältnisses ist gefährdet - Bitte setzen Sie sich mit Ihrem Wohnungspfleger in Verbindung". Den feuerroten Aufkleber auf dem Briefkasten, den allen Mitmietern den säumigen Mieter vor Augen führte, stellten die Eigentümer ein. Der Mieterbund ging dagegen vor.

Zitat

Der Ausverkauf von öffentlich kontrollierten Wohnraum ist kurzsichtig, unüberlegt und dumm.

Jochen Kiersch, Mieterbund Kiel

So habe die Wohnungsverwaltung die Instandhaltungspauschalen angehoben. "Allerdings rückwirkend für das Jahr 2004 und dann auch noch in einer Summe verbunden mit dem in dieser Konstellation zynisch wirkenden Hinweis, die betroffenen Mieter könnten ja gegebenenfalls Wohngeld beantragen", sagt Jochen Kiersch. Die Anhebung sei aber zulässig. Er fürchtet nun einen harten Verteilungswettbewerb um preiswertes Wohnen. "Der Ausverkauf von öffentlich kontrollierten Wohnraum ist dumm", sagt er. Andere Städte wie Hamburg seien schlauer, sie behielten die Wohnungsbaugesellschaften in kommunaler Hand.

 

Ausgeklügeltes Geschäftsmodell

Höhere Mieten haben die Finanzinvestoren nicht vorrangig im Sinn. Ihnen schwebt anderes vor, um Kasse zu machen. Außer günstigen Quadratmeterpreisen lockt die finanzkräftigen Fonds ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell, das Verluste auf Jahre hinaus ausschließt und satte Gewinne einkalkuliert.

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Wie die Finanzinvestoren ihren Schnitt machen

Die Finanzinvestoren gehen beinahe immer nach dem selben Schema vor. Sie kaufen sich etwa eine kommunale Immobilienfirma für eine Milliarde Euro. Allerdings zahlen sie nur 30 Prozent des Kaufpreises aus ihrem Fonds. Für die restlichen 70 Prozent nehmen sie Bankkredite auf. Diese tilgen sie aus den Mieteinnahmen. Und dank des niedrigen Zinsniveaus auf dem Kapitalmarkt fällt die Rendite aus dem Einnahmen höher als der Kreditzins aus, also streichen sie hier schon einen kleinen Gewinn ein.

Zudem verkaufen die Investoren einzelne Wohnungen mit Gewinn an die Mieter oder zerlegen den Gesamtbestand. So können sie die Filetstücke mit Plus abstoßen. Nach vielleicht fünf bis acht Jahren müssen sie wieder aussteigen, weil die Fondslaufzeit begrenzt ist. Dann veräußern sie den Restbestand an Immobilien und streichen den gesamten Verkaufspreis ein - und machen kräftig Kasse. Denn den aufgenommen Kredit haben mehr oder weniger die Mieter bezahlt. Der weitere Clou: Sie stehen von Beginn an in der Kreide, und der Staat bekommt keinen Cent.

Dass die verkauften Wohnungen nun verkommen, daran glaubt Ulrich Ropertz vom Mieterbund nicht. Die Finanzinvestoren rechnen fest mit den Mieteinnahmen. Die Mieter zu vergraulen, mache nach Auskunft der Investoren keinen Sinn. So räumt Matthias Moser, Geschäftsführer vom deutschen Ableger der Investmentgesellschaft Fortress, dem Schutz der Mieter einen hohen Stellenwert ein. Nur mit "vermieteten Wohnungen und zufriedenen Kunden" könne das Unternehmen wachsen - und die hoch gesteckten Renditeziele eingehalten werden.

 

"Braut für Verkauf schmücken"

Ob auf der anderen Seite die neuen Hausherren mehr in die Sanierung investierten, müsse sich noch erweisen. "Vergessen wir eines nicht, wenn die Wohnungen in fünf oder acht Jahren wieder zum Verkauf stehen, müssen sie schon was hermachen", sagt er. Die Finanzinvestoren würden "ihre Braut schon dafür schmücken".

 

Die neuen Hausherren müssen investieren. Sonst geht es nach Ansicht von Lutz Freitag vom Gesamtverband deutscher Wohnungsunternehmen (GdW) mit dem Wohnobjekt bergab. Es könne verkümmern, der "volkswirtschaftliche Kapitalstock" werde entwertet, die Wohnqualität sinke. "Quartiers- oder gar Stadtentwicklung, Strategien für funktionierende stabile Nachbarschaften und sozialräumliche Integration verschiedener Bewohnergruppen mutieren dann zu sozialromantischen Mustern ohne kurzfristigen Wert", sagt Freitag. Irgendwann erreiche diese "Erosion" auch andere Bestände im Quartier. Das gelte es abzuwenden.

Bildquelle mev
Dresden bei Nacht

Stadtentwicklung in Investorenhand?

Sorge bereitet dem Mieterbund ein weiterer Punkt: Die Kommunen geben durch den Verkauf die Stadtentwicklung aus der Hand. Auch der Gesamtverband deutscher Wohnungsunternehmen sieht das mit gemischten Gefühlen. "Es geht um die eigene Zukunft. Das wird von manchem Kommunalpolitiker leider nicht erkannt", sagt GdW-Präsident Freitag.

In Dresden hat die Politik das nicht aus den Augen verloren. Um den Schuldenberg von 750 Millionen Euro abzutragen, stellt die Stadt das kommunale Wohnungsunternehmen mit rund 47.000 Wohnungen zum Verkauf, das maßgeblich an Stadtumbau und an der Stadtentwicklung beteiligt ist. Wer 650 Millionen Euro auf den Tisch blättert, kriegt den Zuschlag. Damit wäre die Stadt mit einem Schlag beinahe schuldenfrei.

Sozial-Charta in Dresden

Der Erwerber müssen aber die Dresdner Sozial-Charta akzeptieren. "Insbesondere der Mieterschutz wird mit Umsetzung der Sozial-Charta besser sein, als er jetzt ist", sagt Oberbürgermeister Ingolf Roßberg auf Anfrage. So soll unter anderem über 60-Jährigen ein lebenslanges Wohnrecht eingeräumt werden, teuere Luxussanierungen sind tabu und der Schutz vor Eigenbedarfskündigung besteht zehn Jahre.

 

An dieser Sozial-Charta gibt es nichts zu deuteln. "Sie ist die Verhandlungsgrundlage", sagt Stadtsprecherin Stefanie Pohl. 50 Interessenten haben sich inzwischen gemeldet, darunter auch internationale Investoren. Die Sozial-Charta schreibt dem neuen Eigentümer wie auch dessen Nachfolger unmissverständlich ins Stammbuch - bei der Stadtentwicklung bleibt allein die Stadt Dresden Herr im Haus.

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Bundesweite Verkäufe

Eine Auswahl bundesweiter Verkäufe an private Investoren:

1997: Die Post und die Bundesregierung verkaufen die Deutschbau (39.000 Wohnungen) an die Deutsche Grundbesitz Management GmbH, eine Tochter der Deutschen Bank, und an die Viterra AG zum Preis von gut einer Milliarde Euro.

1998: Das Land Berlin verkauft 75 Prozent der Gehag (29.000 Wohnungen) an die RSE Grundbesitz und Beteiligungs-AG und die Hamburgische Landesbank für gut eine halbe Milliarde Euro.

2000: Im Dezember werden 114.000 Eisenbahnerwohnungen verkauft. 64.000 Wohnungen gehen für zwei Milliarden Euro an die Deutsche Annington, hinter der eine japanische Bank steht. Die übrigen 50.000 Wohnungen werden an Mitglieder eines Käuferkonsortiums veräußert.

2004: Berlin veräußert seine größte Wohnungsbaugesellschaft, die GSW, für 200 Millionen Euro an zwei amerikanische Investoren. Die GSW besitzt 70.000 Wohnungen. Das Unternehmen ist mit rund 1,7 Milliarden Euro verschuldet.

2005: Die Immobilientochter der Norddeutschen Landesbank, die Nileg, geht für 1,5 Milliarden Euro an die Investmentgesellschaft Fortress aus New York. Sie hat 28.500 Mietwohnungen in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Schleswig-Holstein. Fortress legt für Pensionsfonds Geld an; 2004 kaufte sie die Wohnungsgesellschaft Gagfah mit 80.000 Wohnungen von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte.

2005:
Die größte deutsche Wohnungsgesellschaft Viterra (150.000 Wohnungen) wird von E.ON für sieben Milliarden Euro von der Deutschen Annington Immobilien Gruppe erworben, hinter der steckt das britische Beteiligungsunternehmen Terra Firma und eine Sparte der Citigroup.

2005: Der Touristikkonzern TUI verkauft für 70 Millionen Euro 1400 Mietwohnungen im Ruhrgebiet an den britischen Grainger Trust.

 

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